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Redaktioneller Beitrag aus der BIKE, Ausgabe 9/11: BIKE-Supertrail Nr. 29

Die Nürburgring-Nordschleife ist die längste und gefährlichste Rennstrecke der Welt. Marathon-Profi Karl Platt liebt den Kurs – im Schalensitz und im Sattel. Denn direkt neben der 20,8 Kilometer langen Rennstrecke führt eine spannende Mountainbike-Route, die sich Biker mit nur etwas Benzin im Blut nicht entgehen lassen dürfen.

Grüne Hölle Trail

OK, ich gebe zu: Supertrail ist etwas übertrieben.
Es gibt Trails, die der Definition mehr entsprechen, weil sie technisch anspruchsvoller, hochalpiner oder exotischer sind.

Dennoch gibt es keinen zweiten Trail auf der Welt, der mir das bietet, was ich in Nürburg im Sattel erlebe. Und es gibt keinen Trail, der meine zwei Leidenschaften so intensiv verbindet: Motorsport und Mountainbiken. 20832 Meter ist die legendäre Nürburgring- Nordschleife lang, die „Grüne Hölle“ gilt mit ihren 73 Kurven, uneinsehbaren Kuppen und bis zu 18 Prozent Steigung als die schwerste, längste und schönste Rennstrecke der Welt.

Die Namen der Abschnitte sind legendär, Schwedenkreuz, Fuchsröhre, Hohe Acht, nicht zu vergessen die Steilkurven Karussell und Schwalbenschwanz – auf der Nordschleife wurde Motorsport-Geschichte geschrieben. Rund 26000 Meter (je nach Variante) ist die ausgeschilderte Bike-Strecke lang, die zum großen Teil nur wenige Meter neben der Rennstrecke verläuft, eineinhalb Stunden muss man für eine entspannte Tour einplanen.

Ich bin so oft es geht am Nürburgring, bei so genannten Touristenfahrten kann man die 20832 Meter mit dem eigenen Auto entlangbrettern. Eine Runde kostet 24 Euro und ist für mich in unter acht Minuten Geschichte. Schnell Auto fahren ist meine Leidenschaft, wäre ich nicht Bike-Racer, ich würde wohl Autorennen fahren – na ja, man braucht noch Pläne fürs Alter. Oft nehme ich das Bike mit zum Ring und lasse mir die Trails schmecken, denn hier lernt man den Kurs aus einer anderen Perspektive kennen. Im Ort Nürburg startet die Runde. Schon die ersten Meter im Gelände geben den Blick frei auf die Nordschleifen- Passage Hatzenbach, dann gehört die Konzentration dem Untergrund.

Ich halte mich bei der Landstraßenüberquerung entgegen der Beschilderung geradeaus (parallel zur Rennstrecke) und mache auf einem breiten Forstweg Meter, denn ich will schließlich was sehen: Über die blinde Kuppe am Schwedenkreuz donnern die Sportwagen mit 260 km/h, in der Kompression der Fuchsröhre drückt es mutige Fahrer mit entsprechenden Autos mit 230 km/h komplett in die Federung.

Mich schüttelt der direkt daneben liegende Wald-Trail ordentlich durch. Er gehört zwar nicht zur offiziellen Strecke, ist aber ein fahrtechnisches Highlight der Runde. In der Familienvaterfalle Adenauer Forst ist schon manch Mittelklasse-Kombi über die Wiese geholpert, weil ihm die Strecke ausgegangen ist, als Zaungast erlebt man hier spannende Situationen. Von Breitscheid (dem tiefsten Punkt der Runde) muss man kurz auf die Landstraße wechseln und verpasst dadurch den Abschnitt kurz vorm Bergwerk, wo Niki Lauda vor 35 Jahren seinen Feuerunfall hatte. Vom Kesselchen bis hinauf zur Steilstrecke kurbelt man dann wieder direkt neben der Rennstrecke entlang.

Wenn hier viel Betrieb ist, vergesse ich vor lauter Glotzen sogar das Treten. Ich halte mich auch weiterhin nicht genau an die offizielle Streckenführung, sondern fahre, anstatt sofort die 27 Prozent steilen Betonplatten der so genannten Steilstrecke hinaufzupressen, einen Abstecher ins Karussell. Fünf Meter von mir entfernt scheppern die Autos durch die Steilkurve; wer genau hinschaut, kann die Bremsscheiben glühen sehen. Die Steilstrecke ist ein Formtest für die Beine, wer nicht genug kriegen kann, hämmert vom höchsten Punkt der Hohen Acht einen technischen Trail wieder hinunter bis ins Karussell und retour. Weiter geht’s unmittelbar entlang der Strecke. Der Zuschauer-Fußweg (Vorsicht, viele Scherben) rappelt am Fan-Hotspot Brünnchen vorbei, schlängelt sich teils technisch anspruchsvoll zum Pflanzgarten und führt schließlich Richtung Schwalbenschwanz – der zweiten Steilkurve.

Erst vorm Galgenkopf, für die Autofahrer ist das die letzte schnelle Rechts, bevor es auf die Highspeed-Gerade der Döttinger Höhe geht, muss man wieder auf den breiten Weg und dann die Landstraße Richtung Nürburg zurückkehren. Nach gut 26000 Metern ziehe ich dann den Radhelm ab und den Integralhelm auf – und fahre noch ein paar Runden im Auto. Auf der Strecke, nicht neben der Strecke.

Infos unter www.radarena.de, www.radamring.de, www.nuerburgring.de

Text: Karl Platt
Fotos: Markus Greber